SNES-Perle: “CHRONO TRIGGER”

SNES-Perle: “CHRONO TRIGGER”

Das 1995 erschienene Japano-RPG Chrono Trigger wurde seither von Spielern wie Kritikern mit Lob überschüttet. IGN räumte ihm wiederholt eine Top-Platzierung in den jährlichen “100 Greatest Games of All Time” ein, ebenso GameSpot, Nintendo Power, das Famitsu-Magazin und andere. 2012 kürte GamesRadar es zum besten JRPG aller Zeiten.
Mitte der 90er-Jahre war von einer Krise der japanischen Videospiellandschaft noch nicht viel zu erkennen. Mit Nintendo, Sony und Sega stammten quasi alle großen Konsolenhersteller aus Fernost, und traditionsreiche Third-Party-Player wie Konami, Capcom und Squaresoft sorgten weltweit für hochwertigen Spielenachschub. Doch wir machen zunächst einen weiteren Schritt in die Vergangenheit:

Eine kurze Geschichte des JRPGs

Das Genre der japanischen Rollenspiele hatte bereits einige Perlen hervorgebracht: das 1985 erschienene The Black Onyx begründete quasi das Genre, spielte sich aber noch sehr westlich – erfolgreiche Spiele wie die Wizardry-Serie hatten unübersehbar Pate gestanden. Ein Jahr später bekamen Japano-RPGs eine eigene Identität, als Enix Dragon Quest herausbrachte und damit eine der langlebigsten RPG-Serien begründete. Hier fanden bereits genretypische Elemente wie das Umschalten in eine Kampf-Perspektive und die strikte Rundenbasierung Einzug.

1987 schuf Hironobu Sakaguchi mit Final Fantasy dann eine der populärsten und bis heute kommerziell erfolgreichsten RPG-Serien – das Genre nahm Fahrt auf, auch im Westen. Im gleichen Jahr setzte Phantasy Star ebenfalls Maßstäbe: im Gegensatz zu den gesichtslosen Charakteren bisheriger Spiele setzte Sega auf ausgefeiltes Charakterdesign und eine Hintergrundgeschichte, die gekonnt die Einzelquests zu einer Gesamtaufgabe verwob und dazu noch die bis dato üblichen Fantasy-Elemente um Science Fiction anreicherte. Mit der Megami Tensei-Serie schuf Atlus ebenfalls 1987 einen weiteren Genrevertreter, der bis heute mit zahlreichen Nachfolgern und Spin Offs bedacht wurde. Schon der Erstling brach mit seinem Steampunk-Setting im modernen Japan und seiner düsteren Geschichte um Dämonenbeschwörung und Mythen mit den üblichen Konventionen.

1991 – inspiriert durch den Erfolg von Action-Adventures wie Zelda – schuf Squaresoft die Seiken Densetsu-Serie, deren zweiter Teil Europäern besser als Secret of Mana bekannt ist. Hier wurden klassische RPG-Elemente mit actionorientierterem Gameplay verschmolzen, insbesondere die Kämpfe liefen in Echtzeit und im Spielbildschirm ab. Aber auch klassische JRPG-Vertreter standen noch hoch im Kurs, wie das 1993 erschienene Breath of Fire für das Super Nintendo. In der Zwischenzeit hatten viele der oben genannten Titel bereits Nachfolger hervorgebracht, insbesondere die Final Fantasy- und die Dragon Quest-Serie hatten sich zu Verkaufsschlagern entwickelt.

Noch 1994 war mit Final Fantasy VI ein inszenatorisches Meisterwerk erschienen, welches in Sachen Storytelling und Gameplay Maßstäbe setzte und die Weichen für eine ganze Generation von Folgespielen stellen sollte. Und während Genre-Fans noch die Abenteuer von Terra, Locke und Co bestritten, arbeitete man bereits am nächsten Coup: nicht weniger als das “definitive Rollenspiel seiner Generation” sollte Chrono Trigger werden.

Dazu versammelte Squaresoft eine prominente Crew unter der Bezeichnung “Dream Team”: Den Final Fantasy-Schöpfer Hironobu Sakaguchi und den Dragon Quest-Vater Yuji Horii, für das künstlerische Design den berühmten Mangaka Akira Toriyama und für die musikalische Umsetzung Nobuo Uematsu und Yasunori Mitsuda. Die Produktion übernahm unter anderem der Final Fantasy-erfahrene Yoshinori Kitase.

Das “Dream Team

Yoshinori Kitase (Produktion)

Der 1966 geborene Japaner führt seine Leidenschaft für das Storydesign auf ein Schlüsselerlebnis zurück: Mit 12 Jahren sah er sich begeistert den Film Star Wars an und entwickelte ein tiefgehendes Interesse an Filmtechnik und Drehbuchschreiben. Er studierte an der Tokyoter Nihon University Filmdramaturgie und befasste sich im Folgenden intensiv mit den Möglichkeiten der Post-Produktion. Sein erster Job bestand in der Nachbearbeitung von kleinen Werbespots und Telenovelas in einem Animationsstudio. Kitase begeisterte sich für die aufkommende Branche der Videospiele, und erkannte die Möglichkeiten, die das neue Medium in Sachen Animation und Storytelling bot. 1990 fand er einen Job beim Softwareunternehmen Square, und arbeitete zunächst im Bereich des Event-Scriptings, also dem Timing von Gesichtsausdrücken, dem Einsatz der Soundeffekte und Musik. Er reicherte diese Arbeit immer wieder mit seinen Erfahrungen aus dem Filmbereich an und verglich sie häufig mit der Aufgabe eines Regisseurs. Unter seiner Federführung entstanden später neben Chrono Trigger auch die von vielen als Höhepunkte der Serie gefeierten Teile Final Fantasy VI und Final Fantasy VII. So war er es auch, der das Final Fantasy-Universum von einem typischen “Europäisches Mittelalter”-Setting zu einer eigenen, von Magie und Technik geprägten Umgebung änderte, und somit den visuellen Stil sehr vieler Spiele der Folgegenerationen mitprägte.

Hironobu Sakaguchi (Gamedesign) 

Sakaguchi studierte in Yokohama Elektrotechnik, brach jedoch 1983 das Studium ab, um in der Spielebranche zu arbeiten. Einige Jahre hielt er sich mit Gelegenheitsjobs bei Square über Wasser, bis er dort 1986 fest angestellt wurde. Sein erstes Projekt war die Entwicklung eines Fantasy-RPGs – er entschied sich für den Namen Final Fantasy. Eine Anekdote besagt, dass Sakaguchi diesen Namen aus seiner persönlichen Lage heraus gewählt habe: Wäre das Spiel gefloppt, hätte er dies als Zeichen gesehen, den Job wieder aufzugeben und das Studium weiterzuführen. Das NES-Spiel war jedoch erfolgreich und bis Teil 5 fest in der Hand von Sakaguchi. Die späteren Teile betreute er bereits als ausführender Produzent und stieg bei Square sogar bis zum Leiter der kompletten US-Sparte auf. 2003 verließ er das Unternehmen, um ein Jahr später in Zusammenarbeit mit Microsoft die Mistwalker Studios zu gründen. Bis heute verdankt die Rollenspieler-Gemeinde ihm fesselnde Werke wie z.B. Lost Odyssey, Blue Dragon oder die Wii-Perle The Last Story. 2000 wurde Sakaguchi in die Hall of Fame der Academy of Interactive Arts & Sciences aufgenommen.^

Yuji Horii (Story)

Nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums der Literatur arbeitete der Videospiel-Fan Horii zunächst als freier Mitarbeiter für verschiedene Zeitungen und Comic-Verläge. Die erfolgreiche Teilnahme an einem Videospiel-Designwettbewerb der Firma Enix motivierte ihn, sein Glück in dieser Branche zu versuchen. Nachdem er einige Visual Novels und Adventures kreiert hatte, begann er mit den Arbeiten an Dragon Quest. Sein Ziel war, das Genre der PC-Rollenspiele mit ihren komplexen Regelwerken zugänglicher für “Normalspieler” zu machen. Horii arbeitet derzeit mit seinem eigenen Entwicklungsstudio Armor Project in enger Beziehung zu Square Enix. Von Dragon Quest erschien zuletzt 2012 der aktuelle Teil Dragon Quest X.

Akira Toriyama (Visuelles Design)

Der 1955 geborene Toriyama ist sehr erfolgreicher Manga-Künstler. Viele seiner Werke haben auch außerhalb Japans einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht, im Westen wird er hauptsächlich mit der populären Manga-Serie Dragonball in Verbindung gebracht. 1981 wurde ihm der bedeutendste japanische Manga-Preis, der Shogakukan-Manga-sho, verliehen. Toriyama sammelte bereits früh Erfahrungen im Bereich des visuellen Gamedesigns, so stammt die Optik der gesamten Dragon Quest-Reihe aus seiner Feder. Nach Chrono Trigger gestaltete er noch für Squaresofts Beat’Em’Up-Serie Tobal sowie das Mistwalker-RPG Blue Dragon.

Nobuo Uematsu und Yasunori Mitsuda (Sound)

Der 1959 geborene Nobuo Uematsu begann im Alter von 11 Jahren, sich selbst das Pianospiel beizubringen. Als seinen größten Einfluss zu dieser Zeit bezeichnet er heute Elton John. Als er 1986 Hironobu Sakaguchi kennenlernte, war dieser von den Fähigkeiten des Musikers begeistert und holte ihn in die Firma Square, wo er die Soundtracks der Final Fantasy-Teile erdachte. Uematsu führte 1992 das Bewerbungsgespräch mit seinem späteren Kollegen, Yasunori Mitsuda, woraufhin dieser einen Job als Sound-Designer bei Square bekam. Doch der ehrgeizige Musiker wollte Musikstücke komponieren, statt Schwerter klirren und Pferde schnauben zu lassen. Sakaguchi gab ihm die Chance und versetzte ihn in das Team für Chrono Trigger. Letztlich komponierte Mitsuda 54 Tracks für das Spiel, und arbeitete regelrecht bis zum “Umfallen”. Als er aufgrund schlimmer Magengeschwüre ausfiel, beendete Nobuo Uematsu die Arbeit und komponierte die restlichen Tracks. Beide Musiker haben sich mit ihren Kompositionen einen Namen in der Rollenspiel-Szene gemacht, einige der unvergessenen Melodien wie die berühmte Opernszene von Final Fantasy VI oder das Opening von Final Fantasy VII taugen Fans selbst Jahrzehnte später noch als Ohrwürmer. Seit Jahren werden weltweit Konzerte mit Uematsus Kompositionen gegeben, z.B. die Distant Worlds: Music from Final Fantasy-Tour mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra (Ausschnitt auf YouTube).

Die Geschichte

Chrono Trigger erscheint 1995 für das Super Nintendo – allerdings ausschließlich in Japan und den USA. Zu dieser Zeit ist der europäische Markt einfach nicht lukrativ genug für die Lokalisierung eines so umfangreichen Spiels – die Nische der Rollenspielfans ist einfach noch zu klein. Auch das 2001 für die Playstation produzierte Remake schafft den Sprung nach Europa nicht. 2008 erscheint dann endlich weltweit ein Remake für den Nintendo DS – für eine deutsche Übersetzung hat es jedoch immer noch nicht gereicht. Ebenfalls weltweit verfügbar dank digitaler Vertriebskanäle sind die aktuellen Fassungen für iOS und Android – sogar mit deutschem Bildschirmtext –  sowie die jüngst erschienene Virtual Console-Version auf Wii und WiiU.

Hauptcharakter des Spiels ist der Junge Chrono. Er lebt in einer mittelalterlichen Welt, und besucht gerade auf dem örtlichen Jahrmarkt die Tausendjahrfeier seines Dorfes. Zunächst stolpert er dabei buchstäblich über das Mädchen Marle, welches sich ihm kurzerhand anschließt. Neben bunten Attraktionen interessiert die beiden vor allem die neueste Erfindung, die Chronos Freundin Lucca zusammen mit ihrem Vater der staunenden Menge präsentiert: das Duo hat nämlich einen Teleporter erschaffen, welcher es den Menschen ermöglichen soll, große Entfernungen zurückzulegen. Chrono und Marle bieten sich natürlich bereitwillig als Versuchsobjekte an, und zunächst scheint auch alles gut zu gehen. Letztlich finden sich die drei Freunde jedoch in einem Abenteuer wieder, welches sich über diverse Zeitepochen – von frühester Steinzeit über eine apokalyptische Zukunft bis zum Ende der Welt – erstreckt. Letzteres gilt es natürlich zu verhindern, dabei eine große Verwechslungsgeschichte aufzuklären und in die eigene Zeitlinie zurückzufinden.

Bei der Reise durch die verschiedenen Epochen wird die Verknüpfung dieser deutlich: Handlungen haben Auswirkungen auf die Zukunft, verändern diese gar. Dies entpuppt sich letztlich als der Schlüssel zur Rettung der Welt vor einer Bedrohung, deren Ausmaß den Helden im Laufe des Abenteuers erst gänzlich bewusst wird.

Spielerisch macht Chrono Trigger auch unter heutigen Maßstäben Vieles richtig: Es nimmt den Spieler anfangs an die Hand, lässt ihn aber rechtzeitig eigene Schritte gehen, um spannend zu bleiben. Es lässt ihn nie zu lange in den gleichen Arealen verweilen, sondern bietet einen Tapetenwechsel, bevor Langeweile aufkommt. Es stellt eine ausgewogene Mischung aus Charakteren vor, die man allesamt sympathisch finden muss. Es erzählt die Geschichte in einem angenehmen Tempo. Vor allem gibt es dem Spieler abwechslungsreiche Aufgaben und verzichtet auf unpassende und stimmungstötende Nebenquests der Marke “Noch drei Tage, bis die Welt untergeht. Aber sammle doch mal meine 12 verlorenen Taschentücher auf”.

Wie seine Geschwister der Final Fantasy-Reihe setzt das Spiel auf das Active-Time-Battle-System (ATB), bei dem sich während des Kampfes ein Zeitbalken füllt, nach dem die nächste Aktion möglich ist. Hier kommt die Zusammensetzung der dreiköpfigen Party ins Spiel: neben der Möglichkeit, allein zu agieren, können die Helden ihre Kräfte zu Duo- oder sogar Trio-Kombos zusammenschließen und so mächtige Zauber oder Aktionen starten. Dabei laufen die Kämpfe stets fair ab: der Spieler kann bei jedem Gegner eine Schwachstelle finden, die teils sogar recht logisch ist – wenn ein Feuerzauber etwa die passende Attacke gegen die Holzknüppel der Gegner darstellt.

Auf – bereits damals ungeliebte – Zufallskämpfe verzichtet Chrono Trigger. Das Spiel setzt auf jederzeit sichtbare Gegner, denen man sogar ausweichen kann. Auf der Weltkarte darf genretypisch jederzeit gespeichert werden, während die Dungeons nur bestimmte Speicherpunkte bieten. In letzteren ist die Rätsel- und Interaktionsdichte angenehm hoch, so dass stellenweise sogar das Gefühl aufkommt, ein Action-Adventure im Zelda-Stil zu spielen. Der Auflockerung dienen Minispielchen wie z.B. ein Motorradrennen oder kleine Geschicklichkeitspassagen.

Die Inszenierung ist 1995 grandios. Liebevoll gezeichnete Landschaften und Charaktere und ein eingängiger Soundtrack verwöhnen den anspruchsvollen Rollenspieler. Heute noch versprüht die Grafik einen angenehmen Charme – die Tatsache, dass 2D-Sprites der 16bit-Ära besser altern als ihre 3D-Kollegen, sorgt dafür, dass man Chrono Trigger auch heute noch angenehm spielen kann. Insgesamt merkt man dem Spiel einfach an, dass hier ein handverlesenes Entwicklerteam am Werk war.

Das Spiel bietet insgesamt 14 verschiedene Enden, von denen einige erst bei einem zweiten Durchspielen zu erreichen sind. Dies sorgt für einen gewissen Wiederspielwert, den Rollenspiele in dieser Form selten aufweisen.

1999 erscheint der Nachfolger Chrono Cross, der mit ähnlichem Setting und einer anderen Cast jedoch nicht wieder die hohe Qualität des Vorgängers erreichen kann.

Persönliches Fazit

Meiner Meinung nach darf sich Chrono Trigger zurecht als eines der besten Videospiele aller Zeiten bezeichnen. Man merkt in jeder Spielminute, wie viel Hingabe und Herzblut in die Erschaffung dieses Werkes geflossen sind. Man merkt, dass das visuelle Design aus der Hand eines großen Künstlers stammt. Man merkt, dass der Soundtrack von fähigen Komponisten erschaffen wurde. Man merkt, dass Timing und Dramaturgie von Leuten kreiert wurden, die ihr Handwerk verstehen. Spielerisch findet man auch bei genauem Hinsehen kaum Mängel.

Die Geschichte ist bis zum Schluss interessant, dosiert Spannung und ruhigere Passagen im richtigen Verhältnis. Die Charakterzeichnung mit ihren fein beschriebenen Wesenszügen jedes einzelnen Helden gehört zum Besten, was das Genre bietet. Die narrative Qualität, die japanische RPGs zu dieser Zeit hatten, zeigt sich unter anderem in der berühmten “Campfire-Szene”, in der die gesamte Party zusammen am Lagerfeuer sitzt und redet. Die Dramaturgie dieser Szene soll Tom Hall, Schöpfer des Spiels Anachronox so sehr begeistert haben, dass er sich für sein Werk in vielen Punkten Inspiration von Chrono Trigger geholt hat.

Wer Chrono Trigger noch nicht gespielt hat, sollte dies unbedingt nachholen. Für Wii U- oder Tablet-Besitzer gibt es aufgrund der geringen Preise für die aktuellen Versionen kaum eine Ausrede, selbst der Kauf eines gebrauchten DS-Moduls (welches übrigens auch auf dem PAL-3DS läuft) lohnt sich. Aber Vorsicht: Chrono Trigger zeigt Euch, wie gut ein Rollenspiel sein kann. Umso ernüchternder kommt dann die Erkenntnis, dass Vergleichbares heute leider immer seltener produziert wird…

Dieser Artikel von mir erschien ursprünglich im Juli 2014 auf www.gamersglobal.de, der Anlaufstelle Nummer 1 für Gamer!